„Was machst du? Aphorismen schreiben? Was ist denn das, Aphorismen? Verdient man damit gut? Kann man davon leben?“ Mit solchen Fragen werde ich sehr häufig konfrontiert.
Ja, ich schreibe Aphorismen, und nein, man verdient damit nicht nur nicht gut, sondern fast gar nichts. Aber um zu verstehen, warum einer das trotzdem tut, muss man erst einmal wissen, was Aphorismen eigentlich sind.
Die meisten Menschen geben das Wort gleich in ihr Smartphone ein, um eine Erklärung zu erhalten. Dort kann man lesen, dass ein Aphorismus ein „selbstständiger einzelner Gedanke, ein Urteil oder eine Lebensweisheit“ (Wikipedia) sei, aus einem oder wenigen Sätzen bestehend. Alles klar? Vermutlich noch nicht so ganz.

Der Aphorismus ist kurz, sehr kurz – er ist die kürzeste aller literarischen Prosagattungen. Schon Fabeln sind kurz, oft nur ein halbe Seite lang, aber Aphorismen eben noch knapper. „Der Romancier ist Erzähler, der Poet Dichter und der Aphoristiker Verdichter“, beschreibe ich dieses Prinzip in meinem aktuellen Buch „An der Denkbar“ (S. 19)*). Die Nachricht über ein besonderes Verkehrs-Chaos, die in der Zeitung einen kurzen Artikel von acht Zeilen beansprucht, wird im Aphorismus zu einem Minimaltext, etwa: „Im Stau steht man nicht – man wird gestanden“ (S. 93). Dieser Satz hat zwar keinen Informationswert wie die Zeitungsnotiz, aber er provoziert das Nachdenken: Kann „stehen“ überhaupt eine Passivform haben? Einen „gestandenen Mann“ kennt man ja, aber einen, der gestanden wird? Wieso steht man im Stau nicht – das ist doch der Charakter eines Staus, dass man stehen muss. Ja, doch, man wird im Stau zum Stillstand gezwungen, aber das ist doch kein richtiges Deutsch, dieses „man wird gestanden“.
Man denkt über solch einen Aphorismus häufig länger nach als über die Zeitungsnotiz – die kurze Form ist ein gutes Training für das menschliche „Oberstübchen“. Und als Aphoristiker trainiert man sein Oberstübchen eigentlich ständig. Der Stau-Aphorismus ist mir beispielsweise während eines Staus auf der Autobahn eingefallen. Solche Gedanken halte ich dann gleich auf meinem Diktiergerät fest und schreibe sie zu Hause auf, um sie bei Gelegenheit zu Ende zu bearbeiten.
Der Aphorismus ist also ein Gedanke, ein Urteil oder eine Lebensweisheit und wird in der Regel mit besonderen Stilmitteln formuliert. „Scharf nachzudenken verringert die Neigung zu stumpfer Gewalt“, habe ich auf S. 101 formuliert. Das Stilmittel ist hier die Verwendung des Gegensatzpaares scharf – stumpf. Oder: „Die großen Probleme dieser Welt resultieren aus den kleinen Fehlern der Menschen“ (S. 116): groß – klein.
Ein anderes Stilmittel ist die Doppeldeutigkeit einzelner Begriffe: „Ich vermag es nicht, die nackte Wahrheit auszusprechen – ich muss sie immer in Worte kleiden“ (S.20). Oder die Ironie: „‘Das Haupt‘ wird als Begriff zunehmend falsch, denn immer mehr Menschen setzen ihren Kopf nur noch als Display-Assistenten ein“ (S. 105). Manchmal ist eine Formulierung ein bewusstes Wortspiel: „Mit Sorgfalt zu erziehen ist ohne Sorgenfalten nicht möglich“ (S. 113). Und gelegentlich ist sie sogar unlogisch, also ein „Alogismus“: „Wer für andere die Kohlen aus dem Feuer holt, sollte sich vergewissern, ob sie nicht mit Gas heizen“ (S. 51).
Aphoristikerinnen und Aphoristiker spielen also gerne mit der Sprache. Das tun sie schon seit der Antike, man denke nur an die medizinischen Aphorismen von Hippokrates, etwa „Den Leib soll man nicht schlechter behandeln als die Seele“ oder „Durch Enthaltsamkeit und Ruhe werden viele Krankheiten geheilt.“ Solche Sätze wurden bereits vor 2.400 Jahren geprägt. Vor rund 150 Jahren formulierte eine der wenigen berühmt gewordenen Schriftstellerinnen Aphorismen, die zum Teil heute noch aktuell klingen, etwa: „Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer.“ Oder: „Es gäbe keine soziale Frage, wenn die Reichen von jeher Menschenfreunde gewesen wären.“ Diese Autorin war Marie von Ebner-Eschenbach, die eher durch ihre Novellen und Erzählungen Bekanntheit erlangte. Obwohl es also schon sehr lange Aphorismen gibt, erkennt die Literaturwissenschaft den Aphorismus erst seit dem frühen 20. Jahrhundert als eigenständige literarische Gattung an.
Vielleicht ist es jetzt zu erahnen, warum ich Spaß daran habe, Aphorismen zu schreiben, auch wenn ich damit, wie alle aktuellen Aphoristiker, kein Geld verdiene und mit diesem Hobby auch nicht berühmt werde. Das Sprachvermögen ist das, was uns Menschen augenscheinlich am deutlichsten von der Tierwelt unterscheidet. Mit Sprache können wir uns nicht nur verständigen und unser Gemeinschaftsleben organisieren, sondern sie ermöglicht es uns auch, nachzudenken, zu bewerten, abzuwägen, zu philosophieren, zu kommentieren und zu karikieren. Der Aphorismus ist eine Außenseiter-Form dafür und ich kann nur hoffen, dass er gerade in der heutigen Zeit angesichts modernster Medien sowie der KI wieder mehr Verbreitung erfährt. Sonst lesen wir bald nicht mehr, sondern werden gelesen …
*) Detlef Träbert: An der Denkbar. Erfrischende Gedanken-Cocktails. Deep Thought Hopping mit Aphorismen, Dreieich (MEDU Verlag) 2026, 152 S., € 14,95 (ISBN 978-3-96352-159-1)
Gastartikel von
Dipl.-Päd. Detlef Träbert
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