[Gastbeitrag von Dipl.-Päd. Detlef Träbert]
Als ich ein Kind war, bekam ich öfters die Aufforderung zu hören: „Dann mach dir mal Gedanken!“ Das geschah stets, wenn ich nicht gleich verstanden hatte, warum ich unbedacht gehandelt haben sollte. „Denken“ – das ist eine speziell menschliche Besonderheit, denn keine lebende Art kann das; nur wir Menschen sind zum Denken in der Lage, wenn wir das wollen.
Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, was er für Ängste auszustehen habe, wenn er nach einem Abend in der Stadt zurück zum dortigen Bahnhof müsse, um wieder nach Hause zu fahren. Dort seien so viele Ausländer unterwegs, so viel „Pack“, wie er es nannte. Er müsse dort ständig damit rechnen, überfallen, zusammengeschlagen und ausgeraubt zu werden. Er sei sehr dafür, dass mehr gegen die Ausländer getan werde. Diskutieren wollte er allerdings nicht über dieses Thema.
Tatsächlich sieht die Bahnhofsgegend, von der mein Bekannter sprach, nicht sehr einladend aus. Aber über Vorfälle der befürchteten Art weiß ich nichts. Auch ich gehe abends gelegentlich dort durch. Auch ich sehe gelegentlich dort Gruppen von Männern beisammen stehen, die in fremder Sprache miteinander reden und nebenbei Gebetskettchen durch ihre Finger wandern lassen. Ich sehe Fremde, Leute, die anders aussehen als mein Bekannter oder ich. Aber ich empfinde keine Angst, wenn ich diese Gegend passiere. Ich bin dort aufmerksamer als in anderen Ecken unserer Stadt – das schon. Ich schaue den Menschen, denen ich begegne, grundsätzlich ins Gesicht. Das tue ich überall. Das wurde mir als Kind so anerzogen: dem Gegenüber ins Gesicht schauen und bei Blickkontakt grüßen. Ich bemühe mich dann um ein freundliches Lächeln und nicke mit dem Kopf, auch wenn mein Gruß nur selten erwidert wird. Aber beim Anschauen der mir begegnenden Leute meine ich manchmal, in ihren Augen Angst zu sehen – gerade bei jenen Männern in der besagten Bahnhofsgegend.
Das hat mein Bekannter nie „wahrgenommen“, und darum kann er es nicht als wahr annehmen. Diese Männer leben zwar hier, aber sie sind fremd und fühlen sich auch so. Welche Schicksale sie tragen, welche Erlebnisse sie hinter sich haben, welche Geschichte die ihre ist, davon habe ich wenig Ahnung. Sind sie vor einem Krieg geflüchtet? Mussten sie vielleicht sogar ihre Familien zurücklassen? Welche Gefahren mögen sie überstanden haben? Aber auch jenseits allen Mitgefühls: Sind diese Männer Straftäter, vor denen ich mich in Acht nehmen muss?
Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) besagt zwar, dass der Anteil straffällig gewordener Ausländer höher sei als der der Deutschen, aber das hat seine Gründe. Das renommierte ifo-Institut (Universität München) hat die Daten der PKS von 2018-2023 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass Ausländer deswegen in der Statistik überrepräsentiert seien, weil sie überwiegend in jenen sozial schwachen Regionen unserer Städte leben, wo die Miete noch erschwinglich, die Kriminalitätsrate jedoch hoch ist. Nicht die Nationalität entscheidet über kriminelle Neigungen, sondern die Lebensumstände.
Und von noch einer Tatsache sollten wir alle wissen: In den Medien werden bei Berichten über Straftaten die Herkunftsländer der Täter viel häufiger genannt, wenn es sich nicht um Deutsche handelt. Das Fernsehen tut das in rund 95 Prozent aller Fälle, die Zeitungen in etwa 90 Prozent. Tatsächlich sind aber nur in rund einem Drittel aller Fälle Ausländer die Täter, in zwei Dritteln Deutsche. Auf diese Weise setzt sich in unseren Köpfen ein Bild vom „kriminellen Ausländer“ fest, das nicht der Realität entspricht. Die Fachleute sind sich einig, dass Kriminalität kaum mit der Herkunft der Täter zusammenhängt, sondern vor allem mit Risikofaktoren wie Armut, Perspektivlosigkeit und eigenen Gewalterfahrungen.
Es ist also durchaus richtig, in bestimmten Gegenden vor allem von Städten aufmerksam zu sein, aufmerksamer als in „besseren“ Stadtteilen, aber wenn Gefahren drohen, dann von den fremd aussehenden Männern nicht mehr als von deutschen. Wachsamkeit ist immer sinnvoll, aber Angst macht blind und ist zudem ein schlechter Ratgeber. Informiert sein und ein wenig Nachdenken, das hilft weitaus besser. Wir sollten die Möglichkeiten nutzen, die uns unser Gehirn bietet und uns ab und zu Gedanken machen.
Dipl.-Päd. Detlef Träbert
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