Gastartikel von Liam Mörker, Fokus Nachhilfe
In der Klasse haben Sie es geübt. Erst die Aufgabe zweimal lesen, dann im Heft nachschauen, und erst wenn das nicht weiterhilft, die Hand heben. Ein Kind, das diese Reihenfolge kann, arbeitet selbstständiger. Am Nachmittag, am Küchentisch, ist diese Reihenfolge oft wieder weg. Dort sitzt kein Banknachbar, dafür ein Erwachsener, der die Lösung kennt und gerade Zeit hat. Der Weg zur fertigen Antwort ist kürzer als der Weg zum eigenen Denken.
Ich sehe das seit Jahren, weil wir mit Fokus Nachhilfe Familien beim Lernen zu Hause begleiten. Und ich glaube, an diesem Punkt geht viel von Ihrer Arbeit im Unterricht wieder verloren, ohne dass es jemandem auffällt.
Der gute Wille kippt schnell
Die meisten Eltern wollen helfen, und sie helfen zu viel. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus einem Reflex. Man sieht das Kind ringen, man kennt die Lösung, also sagt man sie. Kurz ist Ruhe. Was das Kind dabei lernt, ist aber vor allem eines: Am Ende springt jemand ein.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der leicht übersehen wird. Zu Hause wiegt ein Fehler schwerer als in der Klasse. Im Unterricht ist ein falsches Ergebnis eines von zwanzig. Am Küchentisch ist es das einzige, und ein Elternteil schaut zu. Viele Kinder werden dadurch vorsichtiger und trauen sich weniger zu, als sie im Klassenzimmer zeigen.
Wo Sie den grössten Hebel haben
Der Punkt ist: Eltern kennen die Routinen aus Ihrem Unterricht meist gar nicht. Sie wissen nicht, dass ihr Kind gelernt hat, zuerst selbst zu suchen. Also gibt es zu Hause keine solche Routine, und das Kind fällt in das Muster zurück, das dort am schnellsten funktioniert.
Genau hier reicht oft wenig. Wenn Sie im Unterricht einen festen Start für selbstständiges Arbeiten eingeführt haben, geben Sie ihn den Eltern mit. Drei Zeilen im Elternbrief oder ein Satz unter der Hausaufgabe genügen. «Bevor du fragst: Aufgabe noch einmal lesen, Beispiel im Buch suchen, dann erst rufen.» Eltern setzen so etwas erstaunlich gern um, wenn sie merken, dass es dasselbe ist wie in der Schule. Es nimmt ihnen die Unsicherheit, ob sie gerade zu viel oder zu wenig tun.
Der zweite Hinweis, den ich Eltern oft mitgebe, klingt banal und wirkt trotzdem: warten. Nicht beim ersten «ich kann das nicht» aufstehen, sondern dem Kind eine feste, kurze Zeit lassen, in der es allein weiterkommt. In dieser Minute passiert meist mehr, als die Eltern erwarten. Und wenn dann Hilfe nötig ist, bringt eine Frage das Kind weiter als eine Erklärung. «Was genau ist die Aufgabe?» führt zurück in den eigenen Denkweg, eine fertige Lösung nicht. Vieles davon lässt sich zu Hause umsetzen, ohne dass daraus ein Machtkampf wird, und genau darum geht es beim Hausaufgaben ohne Streit begleiten.
Wenn es allein nicht geht
Nicht jede Familie schafft diesen Wechsel aus eigener Kraft, und das ist keine Schwäche. Manchmal hilft es, wenn jemand dabei sitzt, der weder Mutter noch Lehrperson ist. Diese neutrale Rolle nimmt den Druck aus der Situation, weil das Kind niemandem etwas beweisen muss. So verstehen wir Lernbegleitung nach dem Unterricht: nicht vorsagen, sondern das Kind so lange begleiten, bis es die Hilfe nicht mehr braucht.
Was Sie im Unterricht anlegen und was zu Hause weitergeführt wird, muss dafür kein Widerspruch sein. Ein Kind, das in beiden Welten dieselbe Reihenfolge erlebt, muss nicht ständig umschalten. Es lernt einfach weiter. Und der Nachmittag am Küchentisch wird für alle Beteiligten ein Stück ruhiger.
Über den Autor: Liam Mörker ist Mitgründer von Fokus Nachhilfe. Das Bildungsinstitut aus der Deutschschweiz organisiert und begleitet Nachhilfe bei Schülerinnen und Schülern zu Hause. Ein pädagogisches Team schaut nach jeder Lektion auf den Fortschritt und passt die Begleitung an, wenn es nötig ist.